Vom Herbst verzaubert

Oft ist es so, dass man beim Ernten des letzten Gemüses oder Schneiden der letzten Stauden für die Vase beherzt zur Schere greift und alles Laub und auch Samenstände von Gräsern und Stauden entfernt.

Und ist man gleich mal dran, werden auch die Fruchtstände von Gehölzen wie Rosen und anderen Sträuchern entfernt. Ordnung ist ja das halbe Leben und dem sauber aufgeräumten Garten des Nachbars will man in nichts nachstehen. So wird abgeschnitten, was einem zwischen die Klingen der Schere kommt. Doch halt: Vom Herbst in Raureif verpackt oder mit einer leichten Schneekappe bedeckt sehen Stängel und Halme vieler Stauden und Blätter der Gräser ausserordentlich dekorativ aus. 

Herrlich vielfältige Formen

Nimmt man sich Zeit, die Samenstände einmal genauer anzuschauen, so wird man über ihre Vielfältigkeit staunen. Zu entdecken gibt es Blütenstände von Gräsern in unterschiedlichen Beigetönen oder Samenstände, von zottelig-derb bis filigran und weich. Stauden wie die Wieseniris (Iris sibirica) zeigen dunkle, aufgeplatzte, längliche Kapseln. Astern hüllen sich vornehm in ihre flauschigen Samenstände und die Hohe Fetthenne (Sedum-telephium-Hybride) schützt ihre weichen Stängel mit kompakten, rotbraunen Schirmchen. Ebenso der Hohe Wasserdost (Eupatorium fistulosum 'Atropurpureum'). Wiederum sehr filigran wirken die je nach Sorte hellbraunen bis rötlichen, schmalen bis breiten Rispen von Prachtspieren (Astilbe). Ganz anders bei Sonnenhut (Rudbeckia), Purpursonnenhut (Echinacea purpurea) und Kugeldistel (Echinops). Sie ähneln kleinen Igeln und fühlen sich mitunter auch so an. Nicht zu vergessen sind auch die Fruchtstände der Mondviole (Lunaria annua), auch bekannt als Judassilberling, da ihre schimmernden Samenstände Münzen gleichen. Mondviolen werden übrigens zweijährig kultiviert und sind im Fachhandel als Samen erhältlich. Grosse Kapseln bringt der Staudenmohn (Papaver orientale) hervor und die Jungfer im Grünen (Nigella damascena) hüllt ihre Samen in beigefarbene, durchscheinende, papierartige Blasen. Nicht minder attraktiv, jedoch enorm hoch ist Verbena bonariensis, auch argentinisches oder patagonisches Eisenkraut genannt, dessen verzweigte Stängel kleine Samendolden tragen. Ein absoluter Hingucker ist das Brandkraut (Phlomis), dessen hellgelbe, etagen- und kranzförmig angelegten Blüten im Herbst ebenfalls etagenartige Samenstände bilden. Besonders schön wirken übrigens alle in grossen Mengen, ein Grund mehr, von einer Sorte immer mehrere Pflanzen zu setzen.

Nicht nur dekorativ, auch gegen den Hunger

Bringt uns die ganze Samenpracht denn auch einen Nutzen? Wäre es nicht besser, alles abzuschneiden und aus dem Garten zu entfernen, so wie es unsere Eltern oder Grosseltern zu tun pflegten oder wie es unser Nachbar vormacht? Mitnichten! Zwar geht im Frühjahr da und dort ein heruntergefallener Same auf, aber die meisten bieten den Vögeln Nahrung, die bei uns überwintern. Zudem gewähren die oft hohlen Halme von Stauden und Gräsern allerlei Insekten Unterschlupf. Natürlich auch Schädlingen, aber ihre Feinde schlafen gleich nebenan.

 

Reich gedeckter Wintertisch

Verschiebt man den Schnitt von Gehölzen und Kletterpflanzen ebenfalls in den Spätwinter, dann gesellen sich noch weitere Samenstände dazu wie die von Klematis und Beeren von Efeu (Hedera helix), Gewöhnlicher Schneeball (Viburnum opulus), Schneebeere (Symphoricarpos), Liebesperlenstrauch (Calicarpa) oder Wildfrüchte wie die der Kornelkirsche (Cornus mas) oder Vogelbeere (Sorbus aucuparia). Und wenn dann noch rote und glänzende Hagebutten von Wild- und einmalblühenden Kletterrosen wie Edelsteine im Schnee leuchten, dann findet nicht nur das Rotkehlchen genügend Nahrung, das sich den Winter über in unseren Gärten von sehr feinen Samen ernährt, auch Amseln, Spatzen oder der gelegentlich aus dem Norden kommende Seidenschwanz haben einen gedeckten Tisch. 

Keine Regel ohne Ausnahme

Wie man bekanntlich weiss, hat jede Medaille ihre Rückseite. Wenn auch noch so prächtig im Mai blühend, versamt sich die Akelei danach extrem stark. Hier erweist es sich dann doch als sinnvoll, man greift bereits kurz nach der Blüte beherzt zur Schere und freut sich darauf, dass ihre feenhaften Blüten im nächsten Sommer wieder mittanzen.